Das Grundproblem: Die Heiratsstrafe
In der Schweiz werden Ehepaare gemeinsam veranlagt – ihre Einkommen und Vermögen werden zusammengerechnet und als Einheit besteuert. Konkubinatspaare (unverheiratete Paare) werden hingegen einzeln veranlagt. Diese unterschiedliche Behandlung führt zu erheblichen Steuerunterschieden.
Die Heiratsstrafe entsteht, wenn die gemeinsame Besteuerung eines Ehepaares zu einer höheren Steuerlast führt, als wenn beide Partner einzeln besteuert würden. Betroffen sind vor allem:
- Doppelverdiener-Paare mit ähnlich hohen Einkommen
- Paare mit hohem Gesamteinkommen (ab ca. CHF 160'000 zusammen)
- Rentner-Ehepaare mit zwei AHV-Renten
Der Bundesrat hat die Abschaffung der Heiratsstrafe mehrfach angekündigt, aber eine Gesetzesreform steht noch aus. Bis dahin gilt die aktuelle Regelung.
Steuervergleich: Heirat vs. Konkubinat
Szenario 1: Doppelverdiener-Paar (Zürich, reformiert)
Partner A: CHF 120'000 Einkommen, Partner B: CHF 100'000 Einkommen
Verheiratet (gemeinsame Veranlagung):
- Gesamteinkommen: CHF 220'000
- Verheiratetentarif mit Zweiverdienerabzug
- Einkommenssteuer: ca. CHF 41'500
Konkubinat (getrennte Veranlagung):
- Partner A: CHF 120'000 → Steuer ca. CHF 22'000
- Partner B: CHF 100'000 → Steuer ca. CHF 17'000
- Total: ca. CHF 39'000
Heiratsstrafe: ca. CHF 2'500 pro Jahr
Szenario 2: Starke Einkommensdifferenz
Partner A: CHF 200'000 Einkommen, Partner B: CHF 0 (Hausfrau/Hausmann)
Verheiratet:
- Verheiratetentarif: Einkommenssteuer ca. CHF 38'000
Konkubinat:
- Partner A: CHF 200'000 → Steuer ca. CHF 46'000
- Partner B: CHF 0 → Steuer CHF 0
- Total: ca. CHF 46'000
Heiratsvorteil: ca. CHF 8'000 pro Jahr
Szenario 3: Rentner-Ehepaar
Ehemann: AHV CHF 28'200, PK-Rente CHF 36'000. Ehefrau: AHV CHF 28'200, PK-Rente CHF 12'000.
Verheiratet:
- Gesamteinkommen: CHF 104'400
- Steuer: ca. CHF 12'800
Konkubinat:
- Partner 1: CHF 64'200 → Steuer ca. CHF 6'500
- Partner 2: CHF 40'200 → Steuer ca. CHF 3'200
- Total: ca. CHF 9'700
Heiratsstrafe: ca. CHF 3'100 pro Jahr
Wann die Heirat steuerlich günstiger ist
Die Heirat ist steuerlich vorteilhaft bei:
- Alleinverdiener-Paaren: Der Verheiratetentarif ist günstiger als der Einzeltarif auf das gleiche Einkommen
- Starker Einkommensdifferenz: Wenn ein Partner deutlich weniger verdient
- Familien mit Kindern: Kinderabzüge werden nur einmal gewährt, aber der Verheiratetentarif kompensiert dies oft
- Vermögenssituation: Der Freibetrag für Vermögen ist bei Ehepaaren höher
Wann das Konkubinat steuerlich günstiger ist
Das Konkubinat ist steuerlich vorteilhaft bei:
- Doppelverdienern mit ähnlichem Einkommen: Ab je ca. CHF 80'000
- Hohem Gesamteinkommen: Je höher, desto stärker die Progression
- Rentner-Paaren: Zwei separate AHV-Renten
- Selbstständigen: Jeder Partner kann eigene Abzüge optimieren
Optimierungsstrategien für Ehepaare
Auch wenn Sie verheiratet sind, gibt es Wege, die Steuerbelastung zu senken:
1. Zweiverdienerabzug nutzen
Die meisten Kantone gewähren einen Zweiverdienerabzug von CHF 1'000–13'400. Dieser mildert die Heiratsstrafe ab, kompensiert sie aber selten vollständig.
2. Säule 3a doppelt nutzen
Beide Partner können je max. CHF 7'258 in die Säule 3a einzahlen. Totaler Steuerabzug: bis CHF 14'516 pro Jahr. Bei einem Grenzsteuersatz von 30% ergibt das eine Ersparnis von CHF 4'355.
3. PK-Einkäufe staffeln
Pensionskassen-Einkäufe können über die Jahre verteilt werden, um die Progression jedes Jahr zu brechen. Partner können in alternierenden Jahren einkaufen.
4. Kinderabzüge maximieren
- Kinderbetreuungsabzug: CHF 10'100–25'000 je nach Kanton
- Kinderabzug: CHF 6'500–12'000 je nach Kanton
- Ausbildungsabzug: Für Kinder in Ausbildung (bis 25 Jahre)
5. Vermögensplanung
Vermögen und Schulden optimieren: Hypothekarschulden reduzieren das steuerbare Vermögen. Aber: Hypothekarzinsen sind auch ein Abzug vom Einkommen.
Optimierungsstrategien für Konkubinatspaare
1. Kinderbetreuung richtig zuordnen
Kinderbetreuungskosten kann nur der Elternteil abziehen, der die elterliche Sorge hat oder bei dem das Kind lebt. Bei gemeinsamer Sorge: Kosten bei demjenigen mit dem höheren Grenzsteuersatz abziehen.
2. Wohnsituation optimieren
Nur ein Partner ist Hauptmieter. Der andere zahlt einen «Kostenbeitrag». Der Hauptmieter kann höhere Wohnkosten geltend machen (sofern relevant für Steuerberechnung).
3. Vermögen geschickt aufteilen
Bankkonten und Wertschriften können so aufgeteilt werden, dass die Vermögenssteuer minimiert wird (Freibeträge beider Partner nutzen).
Nicht-steuerliche Aspekte beachten
Die Entscheidung Heirat vs. Konkubinat sollte nicht nur steuerlich motiviert sein:
Vorteile der Heirat (nicht-steuerlich):
- Erbrechtlicher Schutz (Pflichtteile)
- Witwer-/Witwenrente (AHV und PK)
- Vereinfachte Vertretung bei Krankheit/Unfall
- Aufenthaltsbewilligung für ausländische Partner
Nachteile der Heirat:
- Solidarhaftung für Steuerschulden
- Heiratsstrafe bei Doppelverdienern
- Scheidungskosten bei Trennung
Fazit: Wann heiraten, wann nicht?
| Situation | Steuerlich günstiger |
|---|---|
| Doppelverdiener, je > CHF 80'000 | Konkubinat |
| Alleinverdiener + Hausfrau/Hausmann | Heirat |
| Starke Einkommensdifferenz | Heirat |
| Rentner-Paar, zwei AHV-Renten | Konkubinat |
| Familie mit Kindern, Alleinverdiener | Heirat |
| Familie mit Kindern, Doppelverdiener | Situationsabhängig |
Die optimale Lösung hängt von Ihrer individuellen Situation ab. Lassen Sie sich von einem Steuerberater eine konkrete Berechnung erstellen – die Investition lohnt sich.